Die Datenherkunft einer Serie ist, aus welchem Markt eine ihrer Spalten tatsächlich stammt – der gehandelte Kontrakt, ein Referenzmarkt oder die Plattform selbst. Das vorige Kapitel hat gefragt, woher deine Kerzen kommen – welcher Feed, welche Session, welche Verkettung. Dieses stellt die Frage eine Ebene davor:
Enthalten die Eingangsdaten überhaupt die Information, die der Indikator zu messen behauptet?
Ein Indikator wird nicht dadurch aussagekräftig, dass seine Mathematik stimmt. Die Rechnung läuft auf jeder Zahlenreihe durch, und sie beschwert sich nicht.
Die Frage vor der Indikatorwahl
Der klarste Fall ist ein Rohstoff-CFD. Der Preis folgt einem Terminkontrakt und ist brauchbar. Die Volumenspalte dagegen ist eine Angabe der Plattform über ihre eigene Aktivität – nicht der Umsatz des Marktes, an dem der Preis entsteht. Ein Money Flow Index darauf liefert eine korrekt gerechnete Zahl ohne Bezugsgröße.
Der Fehler ist dabei nicht, dass ein falscher Wert herauskommt. Es kommt ein Wert heraus, der etwas anderes bezeichnet als sein Name sagt, und das ist schwerer zu bemerken.
Was eine Kursreihe immer hergibt
Alles, was sich aus Eröffnung, Hoch, Tief, Schluss und Zeit ableiten lässt, ist auf jeder Serie legitim. Das ist mehr, als es zunächst klingt:
- Trend – gleitende Durchschnitte und ihre Steigung, MACD, ADX, lineare Regression
- Momentum – RSI, Stochastik, ROC, CCI, alles, was Preisänderungen ins Verhältnis setzt
- Volatilität – ATR, Standardabweichung, Bandbreiten, Kompression und Expansion
- Struktur – Pivots, höhere Hochs und tiefere Tiefs, Ausbrüche, Ranges, Niveaus, Muster
Ein RSI muss nicht wissen, welche Seite gekauft hat. Er sagt: Die Aufwärtsschritte der letzten n Bars waren im Verhältnis zu den Abwärtsschritten ungewöhnlich groß. Diese Auskunft kann jede Preisreihe geben – auch eine, die überhaupt kein handelbares Instrument abbildet.
Was je nach Instrument dazukommt
Vier Dinge sind keine Ableitung aus dem Preis. Sie sind eigene Messungen, und ob es sie gibt, entscheidet das Instrument:
| Datenart | Was sie beantwortet |
|---|---|
| Echtes Handelsvolumen | Wie viel wurde umgesetzt – in Stück oder Kontrakten |
| Aggressorseite | Gegen welche Seite des Orderbuchs wurde ausgeführt |
| Open Interest | Wie viele Kontrakte sind offen – ein Bestand, kein Umsatz |
| Terminstruktur | Wie stehen die Fälligkeiten zueinander |
Die dritte Zeile ist die meistübersehene. Volumen und Open Interest beantworten verschiedene Fragen: Volumen zählt Geschäfte, Open Interest zählt offene Positionen. Ein steigender Preis bei steigendem Open Interest bedeutet, dass neue Positionen aufgebaut werden; derselbe Preisanstieg bei fallendem Open Interest bedeutet, dass bestehende geschlossen werden. Das ist eine Unterscheidung, die aus dem Preis allein nicht folgt, und damit tatsächlich Zusatzinformation und nicht eine weitere Preistransformation.
Die Matrix
Dreiwertig, wie die Anwendbarkeits-Matrix, aber mit anderer Bedeutung: Hier geht es nicht darum, ob ein Indikator zu einer Serienform passt, sondern ob die Daten überhaupt existieren.
Vorhanden · Näherung (es gibt etwas Verwandtes, das nicht dasselbe misst) · Nicht vorhanden.
| Instrument | Preis | Volumen | Aggressorseite | Open Interest | Terminstruktur |
|---|---|---|---|---|---|
| Aktie (Börse) | Vorhanden | Vorhanden | Näherung | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Terminkontrakt | Vorhanden | Vorhanden | Näherung | Vorhanden | Vorhanden |
| Index | Vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Aktien-CFD | Näherung | Näherung | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Index-CFD | Näherung | Näherung | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Rohstoff-CFD | Näherung | Näherung | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Devisen (Kassa) | Vorhanden | Näherung | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Krypto (Kassa) | Näherung | Näherung | Näherung | Nicht vorhanden | Nicht vorhanden |
| Krypto (Derivat) | Näherung | Näherung | Näherung | Vorhanden | Näherung |
Die Zellen mit „Näherung“ tragen den eigentlichen Inhalt der Tabelle:
Aggressorseite bei Börsen- und Terminhandel. Ausführungen lassen sich anhand von Geld- und Briefkurs klassifizieren, wenn die Einzelgeschäfte vorliegen. Aus fertigen Bars geht das nicht – dazu unten mehr.
CFD-Preis. Ein CFD ist ein Vertrag mit einem Anbieter, kein Handel am Referenzmarkt. Der Preis folgt dem Basiswert, ist aber der Preis des Anbieters. Für Struktur und Momentum spielt das selten eine Rolle, für exakte Niveaus und Extreme durchaus – ein Hoch, das im CFD gerissen wurde, muss im Basiswert nicht gerissen worden sein.
CFD-Volumen. Ein CFD hat keinen Börsenumsatz – daraus folgt aber nicht, dass die Serie keine Volumenspalte führt. Anbieter füllen sie durchaus, und zwar mit einer Größe aus ihrem eigenen Haus. Was diese Größe genau zählt, ist der Serie nicht anzusehen: Sie kann den bei diesem Anbieter gehandelten Umsatz meinen oder die Zahl der Preisänderungen. Beides erzeugt eine plausibel aussehende Reihe, und der Feldname entscheidet die Frage nicht.
Was sich dagegen prüfen lässt, ist die Beziehung zum Referenzmarkt. Hält man eine solche Reihe gegen den Umsatz des zugehörigen Terminkontrakts, ist das Verhältnis über den Tag nicht konstant – es schwankt um ein Mehrfaches. Eine durchgereichte Börsenmenge wäre es dann nicht; sie wäre konstant. Ein Volumenanstieg im CFD kann deshalb Marktinteresse sein oder eine Eigenheit der Kundschaft dieses Anbieters, und die Reihe sagt nicht, welches von beidem.
Für die Anwendung folgen daraus zwei verschiedene Antworten, je nachdem, wofür das Volumen gebraucht wird:
- Als Größe – ist gerade viel oder wenig los? – trägt die Angabe, solange sie als Anbieterausschnitt gelesen wird. Relative Aussagen innerhalb derselben Reihe bleiben gültig.
- An einem Preis – Volumenprofil, VWAP, Value Area – trägt sie nicht über den Anbieter hinaus. Das Profil beschreibt dann, wo dessen Kundschaft gehandelt hat, zu dessen Preisen. Als Aussage über den Referenzmarkt ist das eine Verwechslung, die nichts im Chart anzeigt.
Beim Aktien-CFD kommt hinzu, dass es einen echten Referenzmarkt gibt, aus dem sich Volumen holen ließe – es steht dann aber in der Aktienserie und nicht in der CFD-Serie.
Krypto. Der Handel ist auf viele Börsen verteilt, und jede weist ihren eigenen Umsatz aus. Eine Volumenangabe gilt für die Börse, von der sie stammt, was für die Arbeit auf genau dieser Börse reicht und für eine Aussage über „den Markt“ nicht.
Devisen. Es gibt keinen zentralen Handelsplatz und damit auch keine Umsatzzahl. Trotzdem ist die Spalte selten leer: Was Plattformen dort ausweisen, ist meist die Zahl der Preisänderungen. Als Aktivitätsmaß ist das brauchbar; als Menge ist es keine. Es ist derselbe Fall wie beim CFD – eine gefüllte Spalte, die etwas anderes zählt, als ihr Name nahelegt.
Hier kommt eine Eigenheit dazu, die man bei keiner anderen Zeile so deutlich sieht: eine Spalte kann auch mitten in der Reihe aufhören, etwas zu bedeuten. In einer geprüften Devisenreihe standen über Jahre Werte und ab einem Tag im Frühjahr nur noch Nullen – das Feld blieb, die Belieferung endete. Wer einmal am Anfang prüft, ob Volumen vorhanden ist, merkt das nie. Die Frage lautet nicht „hat diese Reihe Volumen”, sondern „hat sie es in dem Ausschnitt, den ich gerade rechne”.
Diese Tabelle ist bewusst von Hand geschrieben und nicht erzeugt. Ob eine bestimmte Serie eine bestimmte Spalte hat, hängt an Anbieter und Symbol – eine erzeugte Tabelle würde eine Objektivität behaupten, die es hier nicht gibt. Für die Serie, die tatsächlich vor einem liegt, gilt die Checkliste aus dem vorigen Kapitel: nachsehen, nicht annehmen.
Was sich nicht nachbauen lässt
Es gibt eine Familie von Konstruktionen, die versuchen, fehlende Datenklassen aus dem Preis zurückzugewinnen:
- „grüne Kerze × Volumen = Kaufdruck“
- „Schluss nahe dem Hoch bei hohem Volumen = Akkumulation“
- „Aufwärtsvolumen minus Abwärtsvolumen = Delta“
Alle drei scheitern an derselben Stelle. Selbst echtes Volumen sagt nur, dass eine bestimmte Menge gehandelt wurde, und jedes Geschäft hat zwei Seiten. Die Menge enthält keine Richtung. Die Information, ob überwiegend gegen die Brief- oder gegen die Geldseite ausgeführt wurde, ist eine eigenständige Messgröße (Aggressorseite) und lässt sich nicht aus dem Gesamtvolumen ableiten.
Eine solche Konstruktion ist deshalb nicht ungenau, sondern etwas anderes als das, wonach sie benannt ist. Der Strang Volumen und Orderflow zeigt, welche Daten es tatsächlich bräuchte.
Abgrenzung zur Anwendbarkeits-Matrix
Zwei Tabellen, zwei verschiedene Fragen – sie zu verwechseln wäre naheliegend:
- Die Anwendbarkeits-Matrix fragt nach der Serienform: Hat die Serie High und Low, hat sie eine Volumenspalte, ist sie lückenlos? Das lässt sich prüfen, und deshalb wird sie aus derselben Deklaration erzeugt, gegen die auch der Rechenkern prüft.
- Hier geht es um die Bedeutung: Meint die Volumenspalte, die da ist, tatsächlich Umsatz? Das lässt sich nicht prüfen, weil es am Instrument und am Anbieter hängt.
Die Matrix prüft, ob eine Spalte da ist. Hier geht es darum, was in ihr steht.