Wyckoffs Ereigniskatalog ist der Teil seines Werks, der sich am besten in prüfbare Bedingungen übersetzen lässt. Er beschreibt eine Akkumulation; die Distribution ist das Spiegelbild und wird am Ende des Kapitels aufgeführt.
Die Phasen sind Abschnitte einer Zustandsfolge, keine Zeitfenster. Eine Phase endet, wenn das Ereignis eingetreten ist, das sie beendet – nicht nach einer bestimmten Zahl von Bars.
Phase A – die Spanne entsteht
Der vorangegangene Abwärtstrend kommt zum Stehen. Drei Ereignisse in Folge:
Preliminary Support (PS). Erster auffälliger Kaufdruck: ein Rücksetzer, der mit erhöhtem Umsatz aufgefangen wird – der Fall geht danach aber weiter. Der PS ist im Nachhinein leicht zu benennen und im Moment kaum, weil er sich vom Weiterlaufen nicht unterscheidet.
Selling Climax (SC). Ein weit laufender Abwärtsstoß mit außergewöhnlichem Umsatz. Er setzt das untere Ende der Spanne. Hier greift „Aufwand und Ergebnis“ aus dem vorigen Kapitel: großer Aufwand, und der Preis kommt nicht weiter.
Automatic Rally (AR). Die Gegenbewegung unmittelbar danach – nach dem Climax fehlt kurzzeitig Angebot. Sie setzt das obere Ende der Spanne.
Mit SC und AR steht die Spanne. Alles Weitere spielt zwischen diesen beiden Rändern.
Die Rechnung
selling climax bei i:
range[i] > k_range · ø(range, n) # außergewöhnlich weite bar
und volume[i] > k_vol · ø(volume, n) # außergewöhnlicher umsatz
und close[i] < open[i] # abwärts geschlossen
sobald ein sc erkannt ist:
spanne_unten = low[i]
spanne_oben = höchstes high der folgenden gegenbewegung # der arkestrel-chartkit · src/indicator/wyckoff.rsv0.2.0
Die beiden Faktoren k_range und k_vol sind der ganze Ermessensspielraum dieser Erkennung. Was
„außergewöhnlich“ heißt, ist eine Festlegung, und sie entscheidet, ob ein Ereignis erkannt wird oder
nicht.
Phase B – die Spanne wird abgetastet
Der längste Abschnitt. Der Kurs läuft zwischen den Rändern hin und her; nach Wyckoffs Vorstellung werden hier die Bestände aufgebaut.
Secondary Test (ST). Ein erneuter Test des unteren Rands. Aussagekräftig ist der Vergleich mit dem Climax: geringerer Umsatz und eine engere Bar heißen, dass weniger Angebot da war als beim ersten Mal.
Phase B hat keine feste Dauer. Darauf zielt „Ursache und Wirkung“: je länger und breiter, desto mehr Grundlage.
Phase C – der Test nach unten
Der aussagekräftigste Abschnitt, weil hier eine Entscheidung fällt.
Spring. Ein Ausschlag unter den unteren Spannenrand mit Rückkehr in die Spanne. Die Bedingung ist prüfbar:
Die Rechnung
spring bei i:
low[i] < spanne_unten # der rand wurde durchlaufen
und close[i] > spanne_unten # der schluss liegt wieder darin
innerhalb von m bars nach dem eintrittWas das mechanisch bedeutet: Der Rand wurde durchlaufen und nicht gehalten. Was Wyckoff darin sah – ein Test, ob unterhalb noch Angebot liegt – ist die Deutung. Beide gehören auseinandergehalten; das ist derselbe Punkt wie beim Liquidity Sweep, nur achtzig Jahre älter.
Ein Spring ist nicht zwingend. Manche Spannen werden ohne ihn verlassen.
Phase D – die Spanne wird verlassen
Sign of Strength (SOS). Eine entschiedene Bewegung über den oberen Spannenrand, mit Umsatzausweitung. Im Sinne von Bruch der Struktur ein Bruch – mit der zusätzlichen Bedingung, dass er getragen ist.
Last Point of Support (LPS). Der Rücksetzer danach, der über dem Spannenrand hält. Das ist das eigentliche Bestätigungsereignis: Was vorher obere Begrenzung war, wirkt jetzt als Auffangen.
Die Rechnung
sos bei i:
close[i] > spanne_oben
und volume[i] > k_vol_sos · ø(volume, n)
lps bei j > i:
low[j] ≥ spanne_oben − toleranz # der rücksetzer hält
und close[j] > spanne_obenPhase E – die Bewegung läuft
Der Markup außerhalb der Spanne. Für Wyckoffs Kategorien ist hier nichts mehr zu tun; ab jetzt greifen Struktur und Trendmaße.
Ausgeführt
Ausgeführt
Datensatz: wyckoff_akkumulationrange_lookback = 26 · range_atr_max = 3 · min_range_bars = 6chartkit v0.2.0+a6ae0acVom Detektor bestätigt: wyckoff
Markiert sind die Phasen C, D und E. Die Phasen A und B haben keine eigene Marke, weil die Spanne in dieser konstruierten Reihe schon während der Aufwärmphase steht – die Zustandsmaschine tritt also nicht sichtbar in sie ein, sondern beginnt darin.
Die Reihe ist gezielt so gebaut, dass die Ereignisse eindeutig auftreten. Für die Lehre ist das besser als ein zufälliger echter Fall, in dem die Zuordnung strittig wäre.
Darin liegt auch die Warnung: So sauber ist es in echten Kursen nicht. Die Schwellenwerte-Frage aus Phase A entscheidet in Grenzfällen, und Grenzfälle sind der Normalfall.
Die Distribution
Das Spiegelbild, nach einem Aufwärtstrend:
| Akkumulation | Distribution |
|---|---|
| Preliminary Support (PS) | Preliminary Supply (PSY) |
| Selling Climax (SC) | Buying Climax (BC) |
| Automatic Rally (AR) | Automatic Reaction (AR) |
| Secondary Test (ST) | Secondary Test (ST) |
| Spring | Upthrust After Distribution (UTAD) |
| Sign of Strength (SOS) | Sign of Weakness (SOW) |
| Last Point of Support (LPS) | Last Point of Supply (LPSY) |
Die Bedingungen sind dieselben mit vertauschten Vorzeichen. Ein praktischer Unterschied wird allerdings oft genannt: Distributionen laufen tendenziell unruhiger ab als Akkumulationen. Als Beobachtung ist das verbreitet; als Regel taugt es nicht, weil es sich nicht in eine prüfbare Bedingung fassen lässt.
Was diese Übersetzung leistet – und was nicht
Sie macht die Ereignisse reproduzierbar: Zwei Menschen mit denselben Schwellenwerten finden dieselben Stellen. Das ist mehr, als die meisten freihändigen Wyckoff-Auszeichnungen bieten.
Sie macht die Deutung nicht objektiv. Ob eine Spanne eine Akkumulation ist, entscheidet sich erst im Nachhinein, und die Zuordnung eines Ausschlags zum Spring setzt voraus, dass man die Spanne schon als Akkumulation gelesen hat. Diese Zirkularität ist kein Fehler der Implementierung, sondern im Verfahren angelegt.