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Was ein Chart abbildet

Wie einzelne Abschlüsse zu OHLC-Kerzen zusammengefasst werden und welche Informationen dabei verloren gehen.

EinstiegKapitel 4 von 43

In diesem Kapitel: Erklärung · Rechenweg

Setzt voraus: Wie ein Handel zustande kommt, Was gehandelt wird

Ein Chart stellt Preise im Zeitverlauf dar. Ein Linienchart verbindet meist Schlusskurse; ein Kerzenchart zeigt für jeden Zeitabschnitt Eröffnung, Hoch, Tief und Schluss. Die Datenquelle und der gewählte Zeitrahmen bestimmen, welche Abschlüsse in die Darstellung eingehen.

Vom Tick zur Bar

Am Anfang steht der einzelne Abschluss: ein Preis, eine Menge, ein Zeitstempel. In liquiden Instrumenten sind das Tausende pro Minute. Kein Chart zeigt sie einzeln. Sie werden zu Abschnitten zusammengefasst, und jeder Abschnitt wird auf wenige Zahlen reduziert.

Welche Abschlüsse überhaupt hineinkommen, ist bereits eine Entscheidung: Nur die eines Handelsplatzes oder mehrerer? Nur reguläre Abschlüsse oder auch außerbörsliche Meldungen? Ein Instrument, das an mehreren Börsen gehandelt wird, hat so viele „richtige“ Kursreihen wie Datenzusammenstellungen.

Die vier Preise

Jeder Zeitabschnitt wird auf vier Zahlen reduziert – Eröffnung, Hoch, Tief, Schluss, kurz OHLC – plus in der Regel eine fünfte, das Volumen.

Aggregation eines Zeitabschnitts

bar(abschluesse) =
    open   = preis(erster abschluss)
    high   = max(preis über alle abschlüsse)
    low    = min(preis über alle abschlüsse)
    close  = preis(letzter abschluss)
    volume = summe(menge über alle abschlüsse)

Eine Bar fasst damit möglicherweise Tausende Abschlüsse zusammen. Der Verlauf innerhalb des Zeitabschnitts lässt sich aus diesen vier Preisen nur teilweise rekonstruieren.

Was dabei verloren geht

Die Bar sagt, dass Hoch und Tief erreicht wurden. Sie sagt nicht, in welcher Reihenfolge. Eine Bar mit langem Docht nach oben und unten kann aus einem Anstieg mit anschließendem Absturz entstanden sein oder umgekehrt – im Chart sieht beides identisch aus. Eine Stop-Auslösung innerhalb einer Bar lässt sich aus der Bar allein nicht rekonstruieren.

Ebenso wenig steht darin, wie sich das Volumen über die Spanne verteilte. Ob der Umsatz nahe des Hochs oder nahe des Tiefs stattfand, ist in den fünf Zahlen nicht enthalten. Ein Volumenprofil benötigt deshalb die Umsatzverteilung nach Preis. Gewöhnliche OHLCV-Bars enthalten diese Verteilung nicht.

Der Zeitrahmen ist eine Wahl, kein Fakt

Ein 5-Minuten-Chart und ein Tageschart desselben Instruments zeigen denselben Markt. Sie zeigen ihn nur durch verschieden grobe Raster, und das Raster entscheidet, welche Bewegungen als Struktur erscheinen und welche als Rauschen verschwinden.

Daraus ergeben sich zwei Eigenschaften:

Der Bar-Beginn ist willkürlich. Ein Stundenchart, das um :00 schneidet, und eines, das um :30 schneidet, haben verschiedene Hochs, verschiedene Schlusskurse und damit verschiedene Signale – bei identischen zugrunde liegenden Abschlüssen. Bei Tagesbars entscheidet die Zeitzone der Quelle darüber, was in welchen Kalendertag fällt.

Ein Indikatorwert gilt nur für sein Raster. „RSI unter 30“ ist keine Aussage über das Instrument, sondern über das Instrument in diesem Zeitrahmen. Auf einer anderen Auflösung ist es eine andere Zahl.

Was ein Chart nicht abbildet

OHLCV-Bars enthalten abgeschlossene Geschäfte. Offene Aufträge, Absichten der Beteiligten und Ursachen einer Bewegung sind darin nicht erfasst. Für Aussagen über die Auftragslage werden zusätzliche Orderbuchdaten benötigt.

Der nächste Schritt

Bis hierher ging es um die Mechanik der Verdichtung. Die zweite, größere Frage ist, welche Reihe überhaupt verdichtet wurde: Börsenkurs oder Brokerquote, echtes Volumen oder Tick-Zahl, bereinigt oder roh, ein Kontrakt oder eine verkettete Historie. Diese Frage entscheidet, ob ein Indikator misst, was sein Name behauptet, und sie ist das Thema des nächsten Kapitels.

Weiter im kurzen Einstieg

Schritt 1 von 3: Einen Kursverlauf lesen

Eine Kerze zerlegen