Eine Option ist ein bedingtes Termingeschäft, das dem Käufer das Recht, aber nicht die Pflicht einräumt, einen bestimmten Basiswert zu einem festgelegten Ausübungspreis zu kaufen oder zu verkaufen. Diese Asymmetrie begründet die wesentlichen Eigenschaften des Instruments: das nicht-lineare Auszahlungsprofil, den Zeitwertverfall sowie den Umstand, dass ein Optionschart eine andere Dynamik abbildet als der Kursverlauf des zugrunde liegenden Basiswerts.
Call und Put
Es gibt genau zwei Grundformen:
- Ein Call gibt das Recht, den Basiswert zum vereinbarten Preis zu kaufen.
- Ein Put gibt das Recht, den Basiswert zum vereinbarten Preis zu verkaufen.
Der Käufer eines Calls hat das Recht, nicht die Pflicht. Steht der Basiswert bei Verfall unter dem vereinbarten Preis, lässt er das Recht verfallen. Es zu nutzen wäre unsinnig, denn am Markt ist es billiger. Was er verliert, ist die gezahlte Prämie und nicht mehr.
Beim Put ist es gespiegelt: Das Recht zu verkaufen ist etwas wert, wenn der Basiswert unter dem vereinbarten Preis notiert, und wertlos, wenn er darüber steht.
Die fünf Angaben
Eine Option ist durch fünf Angaben vollständig bestimmt:
| Angabe | Bedeutung |
|---|---|
| Basiswert | worauf sich das Recht bezieht |
| Art | Call oder Put |
| Basispreis (Strike) | zu welchem Preis ausgeübt werden darf |
| Verfallstag | bis wann das Recht besteht |
| Kontraktgröße | auf wie viele Einheiten es sich bezieht |
Dazu kommt die Prämie – der Preis, zu dem die Option gerade gehandelt wird. Sie ist keine Vertragsangabe, sondern das Ergebnis des Handels und damit die Zahl, die im Chart steht.
Ein Unterschied noch am Rande: Amerikanische Optionen dürfen jederzeit bis zum Verfall ausgeübt werden, europäische nur am Verfallstag. Die Bezeichnung hat nichts mit dem Handelsplatz zu tun; die meisten Index-Optionen in Europa sind europäisch, Aktienoptionen häufig amerikanisch.
Vier Positionen, nicht zwei
Zu jedem Recht gehört jemand, der die entsprechende Pflicht übernimmt – der Stillhalter. Aus zwei Optionsarten werden dadurch vier Positionen mit sehr verschiedenen Eigenschaften:
| Position | Erwartung | Prämie | Risiko bei Verfall |
|---|---|---|---|
| Long Call – Call gekauft | steigender Basiswert | gezahlt | auf die Prämie begrenzt |
| Long Put – Put gekauft | fallender Basiswert | gezahlt | auf die Prämie begrenzt |
| Short Call – Call verkauft | nicht steigender Basiswert | erhalten | nach oben nicht begrenzt |
| Short Put – Put verkauft | nicht fallender Basiswert | erhalten | bis zum Basispreis-Wert |
Die rechte Spalte ist die wichtige Asymmetrie: Der Kauf einer Option legt den maximalen Verlust beim Einstieg fest. Der Verkauf vereinnahmt eine begrenzte Prämie und übernimmt dafür ein Risiko, das im Fall des Short Call rechnerisch nach oben offen ist. Das beschreibt die Auszahlung und bewertet die beiden Seiten nicht.
Das Auszahlungsprofil
Bei Verfall ist der Wert einer Option eindeutig bestimmt – kein Modell, keine Schätzung:
Ergebnis bei Verfall, je Einheit des Basiswerts
ergebnis_long_call = max(kurs − strike, 0) − praemie
ergebnis_long_put = max(strike − kurs, 0) − praemie
ergebnis_short_call = praemie − max(kurs − strike, 0)
ergebnis_short_put = praemie − max(strike − kurs, 0)
# je Kontrakt zusätzlich × kontraktgroesseDas max(…, 0) ist die ganze Besonderheit der Option in einem Zeichen: Nach unten wird
abgeschnitten, nach oben nicht. Ein Terminkontrakt hat diesen Knick nicht. Dort ist das Ergebnis
linear in beide Richtungen. Deshalb ist eine Option kein Terminkontrakt mit anderem Namen, sondern
ein anders geformtes Instrument.
Aus der Formel liest sich auch der Gewinnschwellenkurs ab: Ein Long Call trägt ab
strike + praemie, ein Long Put ab strike − praemie. Ein Basiswert, der sich in die erwartete
Richtung bewegt, aber nicht weit genug, führt zum Verlust – bei einem Terminkontrakt nicht.
Innerer Wert und Zeitwert
Vor dem Verfall zerfällt die Prämie in zwei Teile:
Zerlegung der Prämie
innerer_wert_call = max(kurs − strike, 0)
innerer_wert_put = max(strike − kurs, 0)
zeitwert = praemie − innerer_wertDer innere Wert ist das, was die Option sofort einbrächte. Er ist nie negativ.
Der Zeitwert ist der Rest – der Aufschlag dafür, dass bis zum Verfall noch etwas passieren kann. Er ist am größten, wenn der Basiswert nahe am Basispreis steht, und er läuft bis zum Verfallstag zwangsläufig auf null. Nicht gleichmäßig: Der Abbau beschleunigt sich zum Ende hin.
Die Lage des Basiswerts zum Basispreis heißt Moneyness:
- im Geld – die Option hat inneren Wert.
- am Geld – Basiswert und Basispreis liegen nahe beieinander; der Zeitwert ist hier am größten.
- aus dem Geld – kein innerer Wert, die Prämie besteht nur aus Zeitwert.
Was den Preis bewegt
Der Preis eines Terminkontrakts folgt im Wesentlichen dem Basiswert. Der Preis einer Option folgt mehreren Größen gleichzeitig:
| Treiber | Wirkung |
|---|---|
| Kurs des Basiswerts | die Richtungskomponente – beim Call gleichläufig, beim Put gegenläufig |
| Restlaufzeit | nimmt ab, der Zeitwert mit ihr |
| Implizite Volatilität | erwartete Schwankung; steigt sie, steigen Call und Put zugleich |
| Zins und Dividende | bei längeren Laufzeiten spürbar, sonst nachrangig |
Die dritte Zeile ist der Grund, warum Optionspreise sich manchmal so verhalten, wie es vom Basiswert her nicht erklärbar ist. Die implizite Volatilität ist die vom Markt eingepreiste erwartete Schwankung. Sie steigt typischerweise vor Terminen mit ungewissem Ausgang und fällt danach ab – ein Call kann nach einer Nachricht an Wert verlieren, obwohl der Basiswert gestiegen ist, weil die Unsicherheit aufgelöst wurde und mit ihr die eingepreiste Schwankung.
Die Empfindlichkeiten der Prämie gegenüber diesen Treibern haben eigene Namen – Delta, Gamma, Theta, Vega, zusammen die Griechen. Für die Interpretation von Kursverläufen ist primär die Existenz und Richtung dieser Einflussfaktoren maßgeblich.
Kontraktanpassung
Auch Optionen kennen die Adjustierung, die schon bei Aktien und Terminkontrakten aufgetreten ist – und hier greift sie besonders direkt ein. Bei einer Kapitalmaßnahme im Basiswert, etwa einem Split, würde die Option sonst über Nacht etwas völlig anderes bedeuten. Deshalb passt die Terminbörse die Kontraktbedingungen an:
Anpassung bei einem Split
faktor = neue stückzahl je alter aktie # 1:2-Split → 2
neuer_strike = alter_strike / faktor
neue_kontraktgroesse = alte_kontraktgroesse × faktorDer wirtschaftliche Gehalt der Position bleibt damit gleich. Für den Chart heißt es: Die Kursreihe einer angepassten Optionsserie hat an dieser Stelle einen Bruch, denn davor und danach bezieht sich derselbe Kontraktname auf verschiedene Bedingungen. Bei Sonderdividenden und Fusionen wird es verwickelter – angepasste Serien laufen dann teils unter eigenen Kürzeln weiter.
Damit ist der Bogen aus dem vorigen Kapitel geschlossen. Dreimal derselbe Vorgang, dreimal ein anderer Name:
| Instrument | Anlass | Name |
|---|---|---|
| Aktie | Split, Dividende | Bereinigung, adjustierte Kurse |
| Terminkontrakt | Verfall des Kontrakts | Verkettung, Rückwärts-Bereinigung |
| Option | Kapitalmaßnahme im Basiswert | Kontraktanpassung |
Allen dreien ist gemeinsam: Ein Sprung in der Reihe, der keine Marktbewegung ist, wird wegdefiniert – und die Reihe zeigt danach Zahlen, zu denen so nicht gehandelt wurde.
Warum Charttechnik auf einer Optionsserie etwas anderes misst
Klassische technische Indikatoren lassen sich rechnerisch problemlos auf Optionspreisreihen anwenden. Die resultierenden Werte besitzen jedoch eine grundlegend andere Aussagekraft, und zwar aus vier strukturellen Gründen:
Der Preis hat mehrere Treiber. Ein Trend in der Prämie kann Bewegung des Basiswerts sein oder eine Veränderung der impliziten Volatilität. Die Reihe unterscheidet das nicht.
Der Zeitwert läuft ab. Ein gleitender Durchschnitt über eine Optionsserie enthält einen systematischen Abwärtsdrift, den kein Marktgeschehen erzeugt hat. Ein „Abwärtstrend” in der Prämie kann reiner Zeitwertverfall sein.
Die Serie ist endlich. Jede Optionsserie beginnt bei ihrer Einführung und endet am Verfallstag. Für Indikatoren mit langer Rückschau bleibt oft schlicht zu wenig Historie.
Die Liquidität ist ungleich verteilt. Nahe am Geld und in den nächsten Verfallsterminen wird lebhaft gehandelt, weit davon entfernt kaum. Große Teile einer Optionskette haben Bars, die aus wenigen Abschlüssen bestehen, mit entsprechend weiten Spreads.
Daraus folgt die praktische Handhabung: Die Analyse gehört auf den Basiswert, die Option ist die Umsetzung. Trend, Struktur, Volumen und Muster werden dort gelesen, wo der Markt tatsächlich stattfindet, und die Optionsposition ist die Entscheidung darüber, mit welchem Auszahlungsprofil man das Ergebnis dieser Analyse abbildet.
Was Optionen über den Basiswert verraten
Umgekehrt liefert der Optionsmarkt Zahlen, die es beim Basiswert nicht gibt und die im Kontext-Strang wieder auftauchen:
- Open Interest je Basispreis – an welchen Marken die meisten offenen Kontrakte liegen.
- Put/Call-Verhältnis – das Mengenverhältnis gehandelter Puts zu Calls.
- Implizite Volatilität und ihre Struktur – welche Schwankung für welchen Zeitraum eingepreist ist.
Bei allen dreien gilt dieselbe Zurückhaltung wie in den übrigen Kapiteln: Sie beschreiben eine Positionierung, keine Richtung. Ein hohes Open Interest an einer Marke sagt, dass dort viele Kontrakte offen sind – nicht, dass der Kurs dorthin läuft. Wie solche Zusatzinformationen einzuordnen sind, ohne ihnen mehr abzuverlangen, als sie tragen, behandelt der Strang Kontext und Regime.