Ein Chart ist eine Reihe von Preisen. Jeder einzelne dieser Preise ist entstanden, weil sich zwei Parteien geeinigt haben. Bleibt dieser Vorgang unbekannt, zeigt die Kurve nur ein Ergebnis ohne seine Entstehung, und stillschweigende Annahmen darüber bleiben ungeprüft.
Vor allem anderen steht deshalb, was die Zahlen sind, mit denen die übrigen Kapitel rechnen. Charttechnik kommt hier noch nicht vor.
Ein Abschluss braucht zwei Seiten
Ein Kurs entsteht nicht, weil „der Markt steigt”. Er entsteht, weil jemand kaufen will, jemand anderes zum selben Preis verkaufen will, und die beiden zusammengebracht werden. Ohne Gegenseite kein Abschluss und kein neuer Kurs.
Daraus folgt eine Feststellung, die später an mehreren Stellen wiederkehrt: Zu jedem Abschluss gehören immer beide Seiten in gleicher Menge. Es kann nicht „mehr gekauft als verkauft” werden. Was sich unterscheidet, ist die Dringlichkeit der beiden Seiten, und die zeigt sich nicht in der Menge, sondern darin, wohin der Preis sich bewegt.
Das Orderbuch
Damit Käufer und Verkäufer sich finden, sammelt der Handelsplatz alle offenen Aufträge in einem Orderbuch. Auf der einen Seite stehen die Kaufaufträge, absteigend nach Preis, auf der anderen die Verkaufsaufträge, aufsteigend.
| Kaufseite (Bid) | Menge | Menge | Verkaufsseite (Ask) | |
|---|---|---|---|---|
| 99,98 | 300 | 120 | 100,02 | |
| 99,97 | 850 | 400 | 100,03 | |
| 99,95 | 1.200 | 900 | 100,06 |
In der Mitte klafft eine Lücke: Der beste Käufer bietet 99,98, der günstigste Verkäufer verlangt 100,02. Solange das so bleibt, passiert nichts. Ein Abschluss entsteht erst, wenn jemand bereit ist, diese Lücke zu überspringen.
Das Orderbuch ist damit die vollständigere Information, und genau sie taucht im Chart nicht auf. Ein Chart zeigt nur, was tatsächlich abgeschlossen wurde, nicht was an Absichten daneben lag.
Bid, Ask und Spread
Die beiden Preise an der Buchkante haben Namen:
- Bid – der höchste Kaufwunsch. Ein sofortiger Verkauf erzielt diesen Preis.
- Ask (auch Offer) – der niedrigste Verkaufswunsch. Ein sofortiger Kauf zahlt diesen Preis.
Spread und Mittelkurs
spread = ask − bid
spread_rel = spread / mid
mid = (bid + ask) / 2Der Spread ist keine Gebühr, die jemand erhebt, sondern der Preis der Sofortigkeit: Ein sofortiger Einstieg mit direkt folgendem Ausstieg verliert den Spread, ohne dass sich der Markt bewegt hat. Bei einem eng gehandelten Instrument sind das wenige Hundertstelprozent, bei einem dünnen ein Vielfaches davon.
Der Kurs, den ein Chart zeigt, ist üblicherweise der letzte Abschluss – bei manchen Instrumenten und den meisten CFD-Charts aber der Bid oder der Mittelkurs. Diese Wahl entscheidet mit darüber, ob ein Tief im Chart wirklich erreicht wurde.
Die zwei Grundtypen
Alle Auftragsarten sind Varianten von zwei Grundformen, und der Unterschied ist ein Tausch:
Market-Order – „führe sofort aus, zum jeweils besten verfügbaren Preis”. Die Ausführung ist sicher, der Preis nicht. Eine Market-Order nimmt Liquidität aus dem Buch.
Limit-Order – „führe aus, aber nicht schlechter als dieser Preis”. Der Preis ist sicher, die Ausführung nicht: Bleibt der Markt weg, bleibt die Order liegen. Eine Limit-Order stellt Liquidität ins Buch.
Eine Stop-Order ist keine dritte Form, sondern ein Auslöser: Erreicht der Kurs eine Marke, wird eine Market- oder Limit-Order abgeschickt. Deshalb kann eine Stop-Order zu einem deutlich anderen Preis ausgeführt werden als die Stop-Marke – sie garantiert die Auslösung, nicht den Preis.
Was eine große Order anrichtet
Eine Market-Order arbeitet sich durch das Buch, bis ihre Menge gedeckt ist. Ist sie größer als die oberste Ebene, räumt sie die nächste mit ab – und die nächste.
Ausführung einer Kauf-Market-Order gegen das Buch
ausfuehrung(menge, ask_buch) =
rest = menge
kosten = 0
für jede ebene (preis, verfuegbar) im ask_buch, aufsteigend nach preis:
nimm = min(rest, verfuegbar)
kosten = kosten + nimm × preis
rest = rest − nimm
wenn rest = 0: abbrechen
schnitt = kosten / menge
slippage = schnitt − bester_askFür 120 Stück im obigen Buch zahlt man 100,02. Für 1.000 Stück zahlt man einen Mischpreis aus drei Ebenen – spürbar über dem Ask, den man beim Absenden gesehen hat. Diese Differenz heißt Slippage, und sie ist kein Fehler, sondern die unvermeidliche Folge davon, Menge gegen ein endliches Buch zu handeln.
Zwei Konsequenzen für später:
- Ein Rückvergleich, der jede Order zum Schlusskurs ausführt, unterstellt ein unendlich tiefes Buch.
- Ein Kurssprung ohne erkennbaren Anlass kann schlicht heißen, dass eine große Order das dünne Buch einer Randzeit abgeräumt hat.
Woher das Volumen kommt
Jede Ausführung erzeugt einen Eintrag: Preis, Menge, Zeitstempel. Das Volumen einer Bar ist nichts anderes als die Summe dieser Mengen im betreffenden Zeitabschnitt.
Und weil zu jedem Abschluss beide Seiten in gleicher Menge gehören, misst Volumen keine Richtung. Formulierungen wie „es kam Kaufvolumen in den Markt” beschreiben keinen Sachverhalt, der in der Zahl steht. Was sich unterscheiden lässt, ist welche Seite die aggressive war – also gegen das Buch ausgeführt hat statt darin zu warten. Dafür braucht man die Einzelabschlüsse mit ihrer Zuordnung, nicht die Bar; der Strang Volumen und Orderflow nimmt das auf.
Ein zweiter Punkt, der später wichtig wird: Volumen im eigentlichen Sinn gibt es nur dort, wo ein Handelsplatz Umsätze meldet. Instrumente ohne zentralen Handelsplatz – CFDs, Devisen-Kassahandel – haben keine Umsatzzahl. Was Plattformen dort als „Volumen” zeigen, ist etwas anderes. Welches Instrument welche Art von Zahl liefert, klärt das nächste Kapitel.
Liquidität ist die eigentliche Größe
Liquidität heißt: Wie viel Menge lässt sich bewegen, ohne den Preis nennenswert zu verschieben? Sie ist keine einzelne Zahl, sondern zeigt sich in drei Dingen gleichzeitig – enger Spread, viel Menge je Buchebene, schnelle Wiederauffüllung nach einer Ausführung.
Liquidität ist nicht konstant. Sie ist zur Eröffnung und zum Schluss hoch, mittags niedriger, vor wichtigen Terminen dünn und in Stressphasen am dünnsten – also genau dann, wenn viele gleichzeitig handeln wollen. Dass Bewegungen in solchen Momenten besonders weit laufen, ist deshalb weniger überraschend, als es aussieht.
Verkaufen, ohne zu besitzen
Die Kaufseite ist intuitiv: erst kaufen, später verkaufen. Die Gegenrichtung geht auch – erst verkaufen, später zurückkaufen. Bei Aktien heißt das Leerverkauf und setzt voraus, dass man sich die Stücke leiht; das ist ein Sondervorgang mit eigenen Kosten und Beschränkungen. Bei Terminkontrakten, CFDs und Optionen ist es dagegen der Normalfall: Dort verpflichtet oder berechtigt man sich zu einer künftigen Lieferung, und beide Richtungen sind gleich eingerichtet.
Für die Charttechnik heißt das, dass Aufwärts- und Abwärtsbewegungen nicht symmetrisch sind, obwohl die Formeln sie symmetrisch behandeln. Welche Richtung sich überhaupt handeln lässt, hängt am Instrument.
Was davon im Chart ankommt
Von allem in diesem Kapitel überlebt der Weg in die Bar nur ein Teil:
| Vorgang am Markt | Im Chart |
|---|---|
| Abgeschlossene Geschäfte | Ja – als Preis und Volumen |
| Offene Aufträge im Buch | Nein |
| Aggressive Seite, Käufer oder Verkäufer | Nein, nicht aus der Bar |
| Spread | Meist nicht, je nach Kursart teilweise |
| Stornierte und nicht ausgeführte Aufträge | Nein |
Die übrigen Kapitel arbeiten mit der linken Spalte, sichtbar ist die rechte. Das ist die Grundbedingung der Methode, und der Grund, warum das Kapitel Was ein Chart abbildet diese Verdichtung noch einmal genauer auseinandernimmt.
Zuvor aber die Frage, die zwischen Markt und Chart steht: was dort eigentlich gehandelt wird.