Der Kerzenschluss ist der Zeitpunkt, an dem der Wert einer Bar endgültig feststeht – vorher ist jede aus ihr abgeleitete Formation nur ein Zwischenstand, der sich noch ändern kann.
Um 14:47 ist es ein Shooting Star. Um 14:59 hat sich der Kurs erholt, und es ist keiner mehr. Dazwischen ist nichts passiert, was eine Formation ausgelöst hätte. Die Bar war nur noch nicht zu Ende. Das ist die häufigste stille Fehlerquelle im Umgang mit Candlestick-Mustern und betrifft ausnahmslos jede Kerzenformation.
Eine laufende Bar ist keine Formation
Alle Bedingungen aus Kerzen messen statt benennen
verwenden close. Solange die Bar läuft, ist close der aktuelle Preis und ändert sich mit jedem
Tick, und mit ihm Körper, Dochtanteile und Schlusslage.
Daraus folgt eine Sprachregelung, die für alle Kapitel gilt:
„Die aktuelle Kerze entwickelt eine Shooting-Star-Struktur“ – nicht „hier ist ein Shooting Star“.
Der Unterschied entscheidet, ob eine Aussage im Nachhinein überprüfbar ist. Eine Auszeichnung der laufenden Bar hält nur einen Zwischenstand fest, und ein Zwischenstand lässt sich nicht falsifizieren. Er war eben zu diesem Zeitpunkt so.
Intrabar-Information zu nutzen ist trotzdem legitim. Nur handelt man dann etwas anderes: nicht die Formation, sondern die Vermutung, dass sie so schließen wird. Eine Vermischung beider Ebenen macht das Ergebnis nicht mehr reproduzierbar – dasselbe Argument wie beim Bruch der Struktur.
Die laufende Bar im Ablauf
Was für eine Kerzenformation gilt, gilt für jede Rechnung, die close verwendet. Ein Indikatorwert
auf der laufenden Bar ist ebenso ein Zwischenstand wie ihre Form. Ändert sich ein angezeigter Wert
nachträglich, spricht man von Repaint: Der Wert, der während der Periode im Chart stand, ist
nicht der, der nach ihrem Schluss in der Reihe steht.
Eine gröbere Bar entsteht aus einer Folge feinerer. Jede neue feinere Bar setzt den Schluss der laufenden Bar neu und erweitert gegebenenfalls Hoch und Tief; abgeschlossen ist die laufende Bar erst, wenn die erste feinere Bar der nächsten Periode eintrifft.
Bestätigter und vorläufiger Wert
für jede minutenbar m:
wenn periode(m) ≠ periode(laufend):
fertig.anhängen(laufend) # erst jetzt steht die stundenkerze fest
laufend = neue bar aus m
sonst:
laufend.high = max(laufend.high, m.high)
laufend.low = min(laufend.low, m.low)
laufend.close = m.close
laufend.volume = laufend.volume + m.volume
rsi_bestätigt = rsi(fertig) # ändert sich nur beim schluss
rsi_vorläufig = rsi(fertig + [laufend]) # ändert sich mit jeder minutenbarkestrel-chartkit · src/timeframe.rsv0.2.0
Laufende Kerze
Datensatz: random_walkStundenkerzen aus je 60 Minutenbarsrsi_len = 14chartkit v0.2.0+a6ae0acReihe gewählt: In der Startstunde fällt der vorläufige RSI bis 29,7, zum Stundenschluss steht er bei 41,5.
Der senkrechte Balken ist der Teil, den eine fertige Reihe nicht mehr enthält. Mit dem Schluss der Kerze wird der letzte vorläufige Wert zum bestätigten; alle übrigen Werte der Spanne waren während der Stunde angezeigt und kommen danach nirgends mehr vor. Reicht die Spanne über eine Schwelle hinaus, der Schlusswert aber nicht, stand im Verlauf der Stunde ein Signal im Chart, das es in der Reihe nicht gibt.
Dieselbe Unterscheidung stellt sich zwischen Zeitrahmen: Der Wert einer gröberen Bar, die noch läuft, ist in einer feineren Reihe ebenso vorläufig – ausgeführt unter Mehrere Zeitrahmen.
Drei Zustände an einem Niveau
Aus derselben Frage folgt eine Unterscheidung, die weit über Candlesticks hinausreicht. „Der Kurs war über dem Widerstand“ kann drei verschiedene Dinge heißen:
| Zustand | Bedingung | Was daran hängt |
|---|---|---|
| Trade through | high[i] > level | ein einzelner Tick genügt |
| Close beyond | close[i] > level | das Bar-Raster entscheidet mit |
| Acceptance | mehrere Bars halten sich darüber | am aussagekräftigsten, am spätesten |
Die drei sind nicht verschieden streng. Sie sind verschiedene Aussagen. trade through sagt etwas
über den Preisbereich, close beyond über das Ergebnis einer Periode, acceptance über den
Aufenthalt.
Und close beyond hat eine Eigenschaft, die leicht übersehen wird: Es hängt am
Bar-Raster. Dieselbe Bewegung schließt auf der Stundenbar
über dem Niveau und auf der Viertelstundenbar darunter. Der Zustand ist also nicht nur eine
Eigenschaft des Marktes, sondern auch eine der gewählten Auflösung.
Reicht ein Schluss bei 100,10?
Ein Niveau bei 100, ein Schluss bei 100,10 – ist das ein Bruch? Die Frage lässt sich nicht grundsätzlich beantworten, aber sie lässt sich in prüfbare Alternativen übersetzen:
Vier Verschärfungen, jeweils prüfbar
(1) abstand: close[i] > level + x · atr[i]
(2) körperanteil: (close[i] − level) / körper[i] ≥ x
(3) folgekerze: close[i] > level und close[i+1] > level
(4) retest: close[i] > level, danach low[j] ≤ level < close[j] für ein j > iKeine davon ist die richtige. Der Punkt ist, dass jede von ihnen eine Zahl nennt und damit nachvollziehbar wird. „Ein deutlicher Schluss darüber“ nennt keine, und zwei Betrachter kommen damit zu verschiedenen Ergebnissen an derselben Stelle.
Die vierte Variante ist zugleich die Brücke zur Marktstruktur: Ein gehaltener Retest ist das, was Acceptance praktisch bedeutet.