Zum Inhalt springen

Muster sind Pivot-Folgen

Chartmuster als Bedingungen an eine Folge von Hochs und Tiefs definieren und prüfen.

AufbauKapitel 30 von 43

In diesem Kapitel: Erklärung · Rechenweg · Berechnetes Beispiel

Setzt voraus: Swings und Pivots

Ein Chartmuster ist mechanisch eine geometrische Bedingung an eine Pivot-Folge – eine Abfolge bestätigter Hoch- und Tiefpunkte. Chartmuster sind zugleich der älteste Bestand der Charttechnik und der am schwersten zu prüfende.

Der Katalog dazu steht getrennt. Was eine einzelne Formation ist und woran man sie misst, steht in den Formationen; hier steht, was für alle gilt.

Eine Figur ist keine Zeichnung

Jedes klassische Muster lässt sich als Bedingung an aufeinanderfolgende Pivots formulieren. Damit erbt es alles aus Swings und Pivots: die Abhängigkeit von der Pivot-Tiefe, die Bestätigungsverzögerung, die Empfindlichkeit gegenüber der Serie.

Das ist der Unterschied, an dem der ganze Strang hängt. Eine gezeichnete Linie liegt dort, wohin man sie legt; eine Pivot-Folge ist gemessen. Zwei Betrachter mit derselben Pivot-Definition finden dieselbe Formation, zwei Betrachter mit demselben Lineal nicht.

Eine Musterbeschreibung ohne Angabe der Pivot-Definition ist unvollständig.

Parameter-Sandkasten

Dreiundsechzig Bars, vier Pivots. Die Formation ist der markierte Abschnitt – alles andere ist der Weg dorthin und davon weg.

Datensatz: dieselbe Doppeltop-Pivotliste, im Verlaufchartkit v0.2.0+a6ae0acVom Detektor bestätigt: double_top (Toleranz 2)

Das Bild zeigt, warum die Pivot-Definition mehr entscheidet als das Auge: Von dreiundsechzig Bars tragen vier die Formation. Welche vier das sind, hängt daran, ab welcher Bewegungsgröße ein Wendepunkt zählt.

Erkannte Musterfamilien

Dreiecke, steigende und fallende Keile, die 1-2-3-Umkehr, die Wolfe-Welle, automatische Trendlinien und die klassische Umkehrfamilie – Doppel- und Dreifach-Top wie -Boden, Schulter-Kopf-Schulter und ihre inverse Form – sind in chart_patterns.rs implementiert; die harmonischen Muster stehen in einem eigenen Modul, harmonics.rs.

Die geometrischen Bedingungen sind formal spezifiziert und algorithmisch verifiziert: Jede abgebildete Formation entspricht einer deterministisch erkannten Struktur auf der jeweiligen Kursreihe. Die formale Prüfbarkeit unterscheidet sich jedoch je nach Formationsklasse: Während geometrische Pivot-Muster exakten algebraischen Bedingungen gehorchen, basieren traditionelle Kerzenmuster der zweiten Reihe oft auf vagen Heuristiken, die im Formationskatalog gesondert ausgewiesen werden.

Die Toleranz ist die Definition

Am Dreieck lässt sich zeigen, worauf jede Musterbedingung hinausläuft:

Die Rechnung

obere gerade  = regression durch die letzten k pivot_hochs
untere gerade = regression durch die letzten k pivot_tiefs

symmetrisch:  steigung(oben) < 0  und  steigung(unten) > 0
aufsteigend:  |steigung(oben)| ≈ 0 und  steigung(unten) > 0
absteigend:   steigung(oben) < 0  und  |steigung(unten)| ≈ 0

Zwei Stellen entscheiden über das Ergebnis, und keine davon steht im Namen der Formation.

Das ≈ 0 verlangt eine Toleranz. Wie flach ist flach? Bei 2 Prozent Abweichung findet man wenige Dreiecke, bei 8 Prozent viele. Dieselbe Zahl entscheidet bei der Schulter-Kopf-Schulter, ob zwei Schultern „ähnlich hoch“ sind, und beim Doppeltop, ob zwei Hochs „gleich“ sind.

Und k entscheidet, wie viele Pivots eine Gerade tragen muss. Bei zwei Punkten lässt sich durch jedes Paar eine Gerade legen, und ein Dreieck findet sich fast immer.

Die Frage, die zuerst zu stellen ist

Wie viele solcher Muster entstehen in einer Zufallsreihe?

Die Bedingungen oben sind rein geometrisch, und Geometrie unterscheidet nicht zwischen einem Markt und einem Zufallsprozess. In einer hinreichend langen Zufallsreihe treten alle klassischen Muster auf – in einer Häufigkeit, die von den Toleranzen abhängt.

Eine belastbare Mustererkennung setzt diese Vergleichsgröße voraus: Wie oft findet dasselbe Verfahren dasselbe Muster in einer Reihe ohne jede Struktur? Ohne diese Zahl lässt sich nicht sagen, ob eine Häufung bedeutsam ist.

Eine solche Vergleichsreihe lässt sich als Zufallslauf mit denselben statistischen Eigenschaften erzeugen. Das ist die ehrlichste Art, ein Mustererkennungsverfahren zu prüfen, und sie kommt in Darstellungen zum Thema praktisch nicht vor.

Was das Muster nicht liefert

Ein Kursziel. Die verbreiteten Projektionen – etwa die Höhe des Kopfes, von der Nackenlinie abgetragen – sind Konventionen ohne Herleitung. Sie geben einer geometrischen Beobachtung eine Präzision, die sie nicht hat.

Was bleibt: Ein Muster benennt eine Konstellation von Pivots. Wenn die Definition angegeben ist, ist sie reproduzierbar, und das ist mehr, als eine freihändig eingezeichnete Formation bietet.