Orderflow bezeichnet die Zerlegung des Umsatzes nach Handelsrichtung: welcher Anteil aktiv gekauft und welcher aktiv verkauft wurde. Darstellungen zum Thema übergehen dabei oft eine Grenze – dieselbe wie in Was in deinen Daten steckt, nur von der anderen Seite: Dort geht es darum, welche Datenklassen ein Instrument hergibt, hier darum, was ohne diese Datenklasse überhaupt noch berechenbar ist.
Was Delta misst
Zu jedem Abschluss gehören ein Käufer und ein Verkäufer. Die umgesetzte Menge ist für beide dieselbe. Was sich unterscheiden lässt, ist die Rolle: welche Seite zugegriffen hat und welche gewartet hat.
Ein Kauf zum bestehenden Briefkurs markiert den Aggressor auf der Kaufseite, ein Verkauf zum Geldkurs den Aggressor auf der Verkaufsseite. Delta ist die Differenz:
Die Rechnung
für jeden einzelabschluss:
wenn preis ≥ bestehender briefkurs: aggressiv_kauf += menge
wenn preis ≤ bestehender geldkurs: aggressiv_verkauf += menge
delta[i] = aggressiv_kauf[i] − aggressiv_verkauf[i]kestrel-chartkit · src/indicator/volume_flow.rsv0.2.0
Ein positives Delta heißt: In diesem Abschnitt wurde mehr Menge aktiv genommen als aktiv gegeben.
Die Grenze
Der erste Block oben braucht Einzelabschlüsse mit Zuordnung zu Geld- und Briefkurs. Eine OHLCV-Bar enthält davon nichts. Sie sagt, wie viel umgesetzt wurde, nicht wer zugegriffen hat.
Daraus folgt eine unbequeme Feststellung: Delta ist aus gewöhnlichen Bars nicht rekonstruierbar. Nicht ungenau – nicht möglich.
Verbreitete Näherungen ordnen das gesamte Bar-Volumen der Aufwärtsseite zu, wenn die Bar steigt, und umgekehrt. Das ist eine Umbenennung der Kursrichtung, keine Messung der Aggressorseite: Eine Bar kann steigen, während unter dem Strich mehr Menge aktiv gegeben wurde. Eine solche Näherung sollte nicht Delta genannt werden.
Anwendbarkeit – CVD / Delta
Warum das so istBraucht: braucht echten Umsatz
- IrreführendKassa-Index – die Serie hat kein Volumen; ein Index ist ein berechneter Wert — Volumen-Referenz wäre Future oder ETF.
- IrreführendCFD beim Broker – zeigt Update-Häufigkeit, nicht Umsatz.
- IrreführendFX-Spot (Major) – zeigt Update-Häufigkeit, nicht Umsatz.
- AnwendbarIndex-Future – Die Serie erfüllt alle Anforderungen dieses Indikators.
- AnwendbarVerketteter Future (b-adj) – Die Serie erfüllt alle Anforderungen dieses Indikators.
- AnwendbarAktie, bereinigt – Die Serie erfüllt alle Anforderungen dieses Indikators.
- AnwendbarIlliquider Nebenwert – Die Serie erfüllt alle Anforderungen dieses Indikators.
- AnwendbarRohstoff, verkettet – Die Serie erfüllt alle Anforderungen dieses Indikators.
- AnwendbarKonstruierte Kursreihe – Die Serie erfüllt alle Anforderungen dieses Indikators.
CVD
Die laufende Summe des Deltas:
Die Rechnung
cvd[i] = cvd[i−1] + delta[i]Interessant ist daran vor allem der Vergleich mit dem Preisverlauf. Steigt der Kurs, während der CVD nicht mitsteigt, dann wurde die Bewegung nicht von aggressiven Käufen getragen, sondern von zurückweichenden Verkäufern. Das ist eine inhaltlich andere Beobachtung als „der Kurs steigt“ – und genau der Grund, warum die Datenqualität hier zählt.
Wie bei jeder kumulativen Größe ist der Startpunkt Teil des Ergebnisses. Ein CVD ohne Angabe, ab wann er läuft, ist nicht vergleichbar.
Ausgeführt – eigene Skala
Datensatz: trend_aufchartkit v0.2.0+a6ae0ac
Dieselbe Rechnung steht als Eintrag in der Indikator-Referenz — dort mit allen Parametern und der Eignungsangabe.
Was das praktisch bedeutet
Auf frei verfügbaren Standard-Kursdaten sind Orderflow-Verfahren in der Regel nicht valide anwendbar. Die Einschränkung liegt in der Datenstruktur:
- CFD und FX-Spot: keine Einzelabschlüsse. Eine Volumenspalte kann vorhanden sein, sie stammt dann aber aus dem Haus des Anbieters und nicht vom Referenzmarkt.
- Kassa-Index: kein Handel, also auch keine Aggressorseite.
- Börsen-Futures und Aktien: möglich, aber nur mit Tick-Daten inklusive Geld-/Briefkurs, was gesondert bezogen werden muss.
Eine Plattform, die auf einer CFD-Reihe ein Delta anzeigt, zeigt eine Näherung. Ob sie das kenntlich macht, ist ein guter Prüfstein für ihre übrige Darstellung.