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Woher deine Kerzen kommen

Datenquellen, Handelsvolumen, Kursbereinigungen und verkettete Kontrakte als Grundlage eines Charts.

EinstiegKapitel 5 von 43

In diesem Kapitel: Erklärung · Rechenweg · Berechnetes Beispiel

Setzt voraus: Was ein Chart abbildet

Eine Serie ist die konkrete Datenreihe, aus der ein Chart gebildet wird – festgelegt durch Anbieter, Handelszeit, Bereinigung und Verkettung. Welche Serie einem Chart zugrunde liegt, fragt gängiges Charttechnik-Material selten, obwohl jede spätere Kennzahl auf dieser Antwort aufbaut.

Bleibt das offen, beziehen sich nachgelagerte Kennzahlen auf eine unbekannte Grundlage. Anders als bei einem Tippfehler in einem Parameter meldet hier nichts einen Fehler: Der Indikator zeichnet eine Linie, das Profil hat einen Punkt der größten Aktivität, alles sieht plausibel aus.

Broker-Kurs oder Börsenkurs

Ein CFD-Broker stellt eigene Quotes inklusive seines Spreads. Zwei Broker zeigen für dasselbe Underlying leicht unterschiedliche Charts, und es gibt keinen einen „richtigen“ CFD-Kurs. Es gibt nur den Kurs dieses Anbieters.

Praktisch heißt das: Unterstützungs- und Widerstandsniveaus sind anbieterspezifisch, und die eigenen Stops lösen auf dem Brokerpreis aus, nicht auf dem Börsenkurs. Für die Niveaus, gegen die man tatsächlich handelt, sind Brokerdaten damit sogar die richtigeren Daten. Für alles, was übertragbar sein soll – eine Wellenauszeichnung, ein historisches Niveau, ein Vergleich mit einer Analyse von jemand anderem – sind sie es nicht.

Volumen ist nicht überall Volumen

An der Börse ist Volumen tatsächlicher Umsatz: so viele Stücke oder Kontrakte haben den Besitzer gewechselt. Ein CFD und FX-Spot haben keinen Börsenumsatz – eine gefüllte Volumenspalte haben sie trotzdem oft. Was dort steht, stammt aus dem Haus des Anbieters, und die Reihe sagt nicht, was es zählt: den bei ihm gehandelten Umsatz oder die Häufigkeit von Preisänderungen (Tick-Volumen).

Als grobes Aktivitätsmaß taugt beides: Wenn die Zahl steigt, ist etwas los. Kaputt geht alles, was Volumen als Menge an einem bestimmten Preis braucht – dort beschreibt die Rechnung den Anbieter und nicht den Markt.

Dass eine Spalte gefüllt ist, sagt also weder, dass sie Umsatz enthält, noch dass sie leer wäre, wenn sie es nicht tut. Beide Verwechslungen kommen vor, und keine von beiden ist im Chart zu sehen.

Börsenserie – echter Umsatz
100105110115Börsenserie05001000Volumen — tatsächlicher Umsatz
Dieselbe Bewegung, Tick-Volumen
100105110115Dieselbe Bewegung beim CFD-Broker0200400„Volumen" — gezählte Preisänderungen

Derselbe Kursverlauf, zwei Volumenreihen. Rechts folgt die „Volumen“-Spalte der Bewegung der Bar – eine weit gelaufene Bar hat viele Preisänderungen, unabhängig davon, wie viel dabei umgesetzt wurde. Jeder Indikator, der Volumen als Menge liest, rechnet rechts mit der falschen Größe.

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Was das für die einzelnen Indikatorfamilien bedeutet:

IndikatorfamilieAuf Tick-Volumen
Volumenprofil, POC/VAH/VALZeigt, wo der Feed viele Updates hatte, nicht wo Umsatz stattfand
VWAP, Anchored VWAPDer „volumengewichtete“ Durchschnitt ist tick-gewichtet
CVD, Delta, Buy/Sell PressureBraucht klassifizierte Einzeltrades – aus Bars nicht rekonstruierbar
Money Flow (MFI, CMF, OBV, A/D, Klinger)Es fließt kein Geld, es werden Ticks gezählt
Force Index, Elder Ray, Ease of MovementVolumen geht als Multiplikator ein, also multipliziert man mit der falschen Größe
Relatives Volumen, Volumen-OszillatorenEingeschränkt brauchbar – als Aktivitätsmaß, nicht als Umsatzmaß
Reine Preisindikatoren (RSI, MACD, ATR, ADX, Bollinger, MAs, Pivots)Unberührt

Die letzte Zeile ist ebenso wichtig wie die anderen: Ein großer Teil der Charttechnik ist von dieser Frage schlicht nicht betroffen.

Wo steckt das Volumen im DAX?

Vier Symbole, die scheinbar dasselbe zeigen:

SymbolVolumen
DAX-CFD beim Brokeranbieterspezifisch – Umsatz beim Anbieter oder Tick-Zahl, nicht ausgewiesen
DAX-Index (Kassa)überhaupt keines – ein Index ist ein berechneter Wert, kein gehandeltes Instrument
FDAX (Eurex-Future)echtes Kontraktvolumen – hier handelt die index-bezogene Liquidität
DAX-ETF (Xetra)echtes Volumen, aber nur die ETF-eigene Liquidität, ein Bruchteil davon

Naheliegend, aber falsch, ist der Reflex: „Dann nehme ich statt des CFD eben den Index direkt.“ Das verschlimmert die Lage. Man tauscht irreführendes Volumen gegen gar keines. Für Volumenarbeit am DAX ist der Future die Referenz.

Bereinigt oder unbereinigt

Splits und Dividenden verschieben Kurse, ohne dass sich am Wert etwas ändert. Datenanbieter gehen damit auf zwei Arten um, und beide sind für ihren Zweck richtig.

Unbereinigt – so wurde gehandelt
6080100SplitUnbereinigt — so wurde gehandelt
Bereinigt – vergleichbare Renditen
505560SplitBereinigt — vergleichbare Renditen

Links steht, was tatsächlich gehandelt wurde – mit einem Sprung am Split-Tag. Rechts ist der Sprung weg, dafür liegen die Kurse vor dem Split an Zahlen, die es so nie gab. Eine historische Unterstützungsmarke aus dieser Zeit ist in der rechten Reihe nicht mehr dieselbe Zahl.

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Daraus folgen drei Dinge, die sich nicht gleichzeitig haben lassen:

  • Eine historische Unterstützungsmarke liegt in der bereinigten Reihe an einer anderen Zahl.
  • Renditen, Vergleiche über lange Zeiträume und Saisonalität brauchen die bereinigte Reihe.
  • Dividendenbereinigung verschiebt zusätzlich jedes Niveau, nicht nur die um Split-Termine.

Zudem sind Tages- und Intraday-Serien desselben Anbieters oft unterschiedlich bereinigt: Ein im Tageschart ermitteltes Kursniveau weicht im 15-Minuten-Chart unter Umständen numerisch ab.

Verkettung und Rollover

Futures laufen aus. Eine mehrjährige Reihe wird deshalb aus aufeinander folgenden Kontrakten zusammengesetzt, und je nach Methode sieht dieselbe Historie anders aus.

Unbereinigt verkettet
859095100105RolloverUnbereinigt verkettet — der Sprung bleibt stehen
Rückwärts bereinigt (b-adj)
859095RolloverRückwärts bereinigt — glatt, aber nicht die gehandelten Kurse

Derselbe Kontraktwechsel, zwei Darstellungen. Links bleibt der Sprung stehen – eine Trendmessung über diese Stelle hinweg misst zu Teilen die Verkettung. Rechts ist er weg, dafür sind die historischen Kurse verschoben und nicht mehr die gehandelten. Beide Reihen sind für ihren Zweck korrekt; keine ist für beide Zwecke korrekt.

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Bei CFDs auf Futures macht das der Broker nach eigener, nicht offengelegter Methode. Mehrjahres-Auswertungen auf solchen Reihen sind deshalb mit Vorsicht zu lesen.

Rohstoffe sind der Härtefall

Bei Erdgas, Öl und Strom ist der Rollover kein Randthema, sondern prägt die Reihe: monatliche Kontrakte, oft ausgeprägte Contango-Struktur, entsprechend große Preisstufen beim Wechsel. Ein mehrmonatiger „Abwärtstrend“ in einem Erdgas-CFD kann zu erheblichen Teilen Roll-Effekt sein und nicht Marktrichtung. Eine Trendaussage, die darauf aufbaut, misst die Kontraktverkettung.

Dazu kommt ein zweiter Effekt, der in der Volumenspalte sichtbar ist: Die Liquidität wandert schon vor dem Verfall in den nächsten Kontrakt. Das Volumen des Frontmonats bricht ein, während der nächste aufbaut. Ein Volumenprofil über eine Roll-Grenze hinweg vermischt zwei verschiedene Liquiditätspools.

Praktische Regel für Rohstoffe: Volumenarbeit innerhalb eines Kontrakts, verkettete Reihen nur für Trend und Struktur, und dann im Bewusstsein, welche Verkettungsmethode eingestellt ist.

Handelszeiten, Sessions, Bar-Grenzen

Ein Index-CFD läuft nahezu durchgehend, Xetra von 09:00 bis 17:30. Dieselbe 4-Stunden-Kerze umfasst also je nach Quelle einen anderen Zeitraum, und ein Gap entsteht an der Börse, aber nicht beim CFD.

Durchgehend – jede Bar der Reihe
95100105Durchgehend — jede Bar der Reihe
Nur Haupthandelszeit
95100Nur Haupthandelszeit — ein Drittel der Bars fehlt

Dieselbe Bewegung, ein anderer Ausschnitt. Rechts fehlen die Bars der Randzeiten, und mit ihnen jedes Hoch und jedes Tief, das dort entstanden ist. Ein Pivot, ein Session-Level oder eine Wellenauszeichnung, die sich auf ein solches Extrem stützt, existiert in der rechten Reihe nicht.

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Wo der Handelstag beginnt – Zeitzone, Session gegen Kalendertag – entscheidet direkt darüber, wie die Tageskerze aussieht, und damit über jeden Pivot und jedes Session-Level, das daraus berechnet wird.

Die zwei Schalter

Chartplattformen führen die Wahl der Serie als kleine Einstellung am Rand, typischerweise als zwei Kürzel:

  • RTH gegen ETH – nur Haupthandelszeit oder auch die erweiterte. Verändert Hochs und Tiefs: Ein Extrem, das abends entstand, existiert in der einen Einstellung und in der anderen nicht.
  • adj / b-adj / unadjusted – welche Verkettungsmethode beim fortlaufenden Kontrakt. Rückwärts-bereinigt heißt: Die Vergangenheit wurde verschoben, damit die Roll-Sprünge verschwinden. Der Chart ist glatt, aber die historischen Kurse sind nicht die gehandelten.

Beide Einstellungen ändern dieselbe Analyse auf demselben Instrument im selben Zeitraum. Sie gehören zu den wenigen Chart-Einstellungen, die man kennen und bewusst setzen muss, statt sie auf dem Standardwert zu belassen.

Verzögerung und Nachkorrektur

Zwei Kleinigkeiten mit Folgen: Kostenlose Datenquellen liefern häufig verzögerte Kurse. Und Bars werden nachträglich korrigiert: Abschlüsse werden storniert oder nachgemeldet, sodass eine Tagesbar erst Stunden nach Handelsschluss final ist. Für die Frage, ab wann eine Kennzahl belastbar ist, ist das relevanter, als es klingt.

Was das für Wellenanalyse bedeutet

Hier trifft die Serienfrage die Analyse von einer anderen Seite als beim Volumen. Elliotts Regeln sind Prüfungen an Preisextremen: Welle 2 darf den Beginn von Welle 1 nicht unterschreiten, Welle 4 nicht in Welle 1 hineinlaufen, Welle 3 nicht die kürzeste sein. Und Extreme hängen an genau den Einstellungen aus diesem Kapitel:

  • Session: Ein Hoch, das abends entstand, existiert in der einen Serie und in der anderen nicht. Eine Zählung, die in ETH regelkonform ist, kann in RTH gegen eine Regel verstoßen, und umgekehrt.
  • Adjustierung und Verkettung: Zählungen und Fibonacci-Retracements, die über eine Roll-Grenze reichen, werden auf Preisen gerechnet, zu denen nie gehandelt wurde.
  • Broker gegen Börse: Zwei Anbieter liefern leicht verschiedene Extreme – genug, um eine Grenzentscheidung an einer Regel zu kippen.

Daraus folgt eine Formulierung, die die meisten Darstellungen auslassen:

Eine Wellenauszeichnung gilt immer nur für die Serie, auf der sie ausgezeichnet wurde. Sie ohne Angabe der Serie weiterzugeben, ist so unvollständig wie eine Messung ohne Einheit.

Die Frage, auf welcher Serie eine Auszeichnung gilt, gehört zur Auszeichnung dazu; der Strang Elliott-Wellen führt das aus.

Die Checkliste

Bevor ein Indikator oder eine Zählung angewendet wird:

  1. Welches Instrument liegt wirklich darunter – Kassa, Future, CFD, ETF?
  2. Ist die Volumenspalte echter Umsatz oder Tick-Zahl? Wenn Tick-Zahl: alle volumenbasierten Indikatoren aussortieren.
  3. Welche Session ist eingestellt?
  4. Wie ist verkettet und adjustiert, und reicht meine Analyse über eine Roll-Grenze?
  5. Bei Rohstoffen zusätzlich: Bleibe ich mit der Volumenarbeit innerhalb eines Kontrakts?

Diese fünf Fragen sind der Grund, warum es die Anwendbarkeits-Matrix gibt: Sie beantwortet sie für jeden Indikator und jede Serien-Ausprägung, aus derselben Deklaration heraus, gegen die auch das Werkzeug prüft.