Liquidität bezeichnet in der Marktstrukturanalyse die Konzentration offener Aufträge um auffällige Preisniveaus. Darauf aufbauend haben sich in den letzten Jahren die Begriffe Liquidity Sweep, Fair Value Gap und Order Block stark verbreitet – mechanisch klar definierbar, doch mit einer Deutung, die regelmäßig weit über das hinausgeht, was aus einer Bar-Reihe tatsächlich ablesbar ist.
Wo Aufträge sich sammeln
Die zugrunde liegende Überlegung ist plausibel und braucht keine besondere Theorie: Rund um auffällige Preisniveaus – ein markantes Hoch, ein markantes Tief, der Rand einer Seitwärtsspanne – sammeln sich Aufträge. Stop-Aufträge derjenigen, die dort positioniert sind, und Einstiegs-Aufträge derjenigen, die auf einen Ausbruch warten.
Daraus folgt: Ein Durchlaufen eines solchen Niveaus löst mehr Ausführungen aus als eine Bewegung im leeren Raum. Das ist Mechanik, keine Absicht.
Aus derselben Überlegung folgt etwas, das der verbreiteten Lesart widerspricht: Jeder Test eines Niveaus führt Aufträge aus, die dort lagen. Häufiges Testen belegt, dass das Niveau beachtet wird – nicht, dass es hält.
Der Sweep
Ein Liquidity Sweep ist ein kurzes Überschreiten eines solchen Niveaus mit anschließender Rückkehr:
Die Rechnung
sweep über ein pivot_hoch p:
high[i] > p # das niveau wurde durchlaufen
und close[i] < p # der schluss liegt wieder darunter
innerhalb von k bars nach pkestrel-chartkit · src/indicator/liquidity_sweeps.rsv0.2.0
Die mechanische Aussage ist bescheiden und überprüfbar: Das Niveau wurde durchlaufen und nicht gehalten. Die verbreitete Deutung – jemand habe das absichtlich getan, um Aufträge einzusammeln – ist aus einer Bar-Reihe nicht ablesbar. Sie mag zutreffen; die Daten sagen dazu nichts.
Bei der Verwendung des Begriffs gilt diese Trennlinie: Die Beobachtung ist prüfbar, die Erzählung dahinter nicht.
Fair Value Gap
Eine Drei-Bar-Konstellation, bei der sich die Spannen der äußeren beiden Bars nicht überlappen:
Die Rechnung
bullische lücke bei i:
low[i+1] > high[i−1]
bärische lücke bei i:
high[i+1] < low[i−1]kestrel-chartkit · src/indicator/liquidity_fvg.rsv0.2.0
Der Bereich dazwischen wurde in dieser Bewegung übersprungen. Das ist eine reine Geometriebeobachtung. Sie sagt nichts darüber, ob der Kurs dorthin zurückkehrt.
Wie viele solcher Lücken es überhaupt gibt, hängt an der Serie. Eine durchgehende CFD-Reihe hat fast keine; dieselbe Bewegung an der Börse erzeugt an jeder Session-Grenze eine. Ein Verfahren, das auf diesen Lücken aufsetzt, findet je nach Datenquelle systematisch verschieden viele.
Order Block
Die letzte gegenläufige Bar vor einer entschiedenen Bewegung – die letzte Abwärtsbar vor einem Anstieg, der Struktur bricht.
Die Rechnung
bullischer order block:
die letzte bar mit close < open
vor einer folge, die ein pivot_hoch brichtkestrel-chartkit · src/indicator/order_block.rsv0.2.0
Auch hier gilt die Trennung: Die Bar ist eindeutig bestimmbar. Die Zuschreibung, dort habe ein großer Marktteilnehmer eine Position aufgebaut, ist eine Annahme. Aus OHLC-Daten lässt sich nicht ableiten, wer gehandelt hat.
Ausgeführt – eigene Skala
Datensatz: trend_aufpivot_len = 5 · tolerance_pct = 0.2chartkit v0.2.0+a6ae0ac
Dieselbe Rechnung steht als Eintrag in der Indikator-Referenz — dort mit allen Parametern und der Eignungsangabe.
Was davon bleibt
Nüchtern betrachtet sind das drei präzise definierte Preiskonstellationen. Sie markieren Stellen, an denen etwas Auffälliges passiert ist, und sie sind reproduzierbar: Zwei Menschen mit derselben Definition finden dieselben Stellen.
Was sie nicht leisten: eine Aussage über die Absichten der Beteiligten. Der Strang Volumen und Orderflow zeigt, welche Daten es dafür bräuchte, und dass gewöhnliche Bars sie nicht enthalten.