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Der Wyckoff-Zyklus

Die vier Marktphasen und drei Grundannahmen der historischen Wyckoff-Lehre.

VertiefungKapitel 20 von 43

In diesem Kapitel: Erklärung

Setzt voraus: Swings und Pivots, Volumen lesen

Der Wyckoff-Zyklus ist ein Modell der Marktphasen, das der Börsenmakler und Herausgeber Richard D. Wyckoff Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte – weniger ein Indikator als eine Lesart: eine Anleitung, wie Preis- und Volumenverlauf zusammen zu betrachten sind.

Das Verfahren eignet sich für eine vollständige Übersetzung in prüfbare Bedingungen: Es ist präzise genug dafür, und alt genug, dass seine Grenzen bekannt sind.

Der Composite Man

Wyckoffs didaktische Figur: Man betrachte alle informierten Marktteilnehmer so, als wären sie eine einzige handelnde Person. Diese Person kann große Bestände nicht auf einmal aufbauen oder abgeben, ohne den Preis gegen sich zu bewegen – also tut sie es über längere Zeit, in einer Seitwärtsphase, in der genug Gegenpartei vorhanden ist.

Wichtig ist, was diese Figur ist und was nicht: Sie ist ein Denkwerkzeug, keine Behauptung über tatsächlich koordiniertes Handeln. Wyckoff selbst führt sie ausdrücklich als Vorstellungshilfe ein. Eine Lesart als Tatsachenbehauptung führt schnell in eine Erzählung, die die Daten nicht tragen.

Der Nutzen der Figur liegt darin, dass sie eine sinnvolle Frage stellt: Wenn jemand hier größere Mengen bewegen wollte – wie sähe der Chart aus? Die Antwort darauf ist prüfbar, auch wenn die Prämisse eine Fiktion ist.

Die vier Phasen

Der Zyklus besteht aus vier Abschnitten, die einander abwechseln:

PhaseWas passiertPreisbild
AkkumulationBestände werden aufgebautSeitwärts, nach einem Abwärtstrend
MarkupDer Preis läuftAufwärtstrend
DistributionBestände werden abgegebenSeitwärts, nach einem Aufwärtstrend
MarkdownDer Preis läuft zurückAbwärtstrend

Die interessanten Phasen sind die seitwärts laufenden. In einem Trend ist die Lage eindeutig; in einer Spanne ist sie es nicht, und genau dort setzt Wyckoffs Ereigniskatalog an (Die Phasen A bis E).

Der Zyklus ist ausdrücklich kein Fahrplan. Eine Akkumulation kann scheitern, eine Spanne kann nach unten aufgelöst werden, und es gibt keine Regel, die eine Phase in die nächste zwingt. Was der Zyklus liefert, ist eine Ordnung der Begriffe, keine Vorhersage der Reihenfolge.

Die drei Gesetze

Angebot und Nachfrage. Preis steigt, wenn zu den bestehenden Kursen mehr genommen als gegeben wird. Das ist eine Tautologie, aber eine nützliche: Sie richtet die Aufmerksamkeit darauf, wie eine Bewegung zustande kam, statt nur darauf, dass sie stattfand.

Ursache und Wirkung. Die Ausdehnung einer Seitwärtsphase steht in Beziehung zur Reichweite der darauf folgenden Bewegung. Eine lange, breite Spanne baut mehr „Ursache“ auf als eine kurze.

Das ist der Punkt, an dem Wyckoff am ehesten in Zahlen übersetzt wird – traditionell über eine Zählung waagerechter Einheiten in einem Point-and-Figure-Chart. Diese Übersetzung ist mit Vorsicht zu behandeln: Sie liefert eine Zahl, deren Genauigkeit die Grundlage nicht hergibt. Als Größenordnungs-Aussage – eine breite Basis trägt weiter als eine schmale – ist sie nachvollziehbar; als Kursziel auf zwei Stellen nicht.

Aufwand und Ergebnis. Eine große Bewegung bei geringem Umsatz und eine kleine Bewegung bei großem Umsatz sind beide auffällig – im ersten Fall bewegte sich der Preis leicht, im zweiten stieß er auf Widerstand. Dieses Gesetz ist der Grund, warum Wyckoff Volumen nicht als Zusatz behandelt, sondern gleichrangig zum Preis.

Und damit auch der Grund, warum Wyckoffs Verfahren eine bestimmte Datenlage voraussetzt. Auf einer Reihe mit Tick-Volumen ist „Aufwand“ nicht messbar: Die Volumenspalte folgt dort der Bewegung, und die Aussage „große Bewegung bei kleinem Umsatz“ kann konstruktionsbedingt kaum auftreten. Siehe Woher deine Kerzen kommen.

Ereignis und Deutung

Wyckoffs Verfahren zählt zu den ältesten Ansätzen der technischen Analyse und arbeitet ohne eine einzige Formel. Trotzdem lässt es sich in prüfbare Bedingungen übersetzen – das nächste Kapitel Die Phasen A bis E übernimmt das.

Was dabei sichtbar wird, ist lehrreich über die Charttechnik insgesamt: Die Übersetzung gelingt für die Ereignisse gut und für die Deutung gar nicht. Ein Programm kann feststellen, dass ein Ausschlag unter die Spanne mit Rückkehr stattfand. Ob das ein Spring war, ist eine Frage der Einordnung.