Ein harmonisches Muster ist eine geometrische XABCD-Kursstruktur aus fünf konsekutiven Pivots und vier Streckenverhältnissen, die anhand definierter Fibonacci-Toleranzen bewertet werden.
Die scheinbare Komplexität rührt primär aus der Namensvielfalt – Gartley, Bat, Butterfly, Crab, Cypher, Shark. Die Muster selbst unterscheiden sich nicht in der Grundform, sondern ausschließlich in den numerischen Schwellenwerten ihrer Verhältnisse.
Woher die Namen stammen
Die Namen wirken gleichrangig, sind es aber nicht: Zwischen dem ältesten und den jüngsten liegen fünfundsiebzig Jahre, und sie stammen von verschiedenen Autoren.
Die Urform beschreibt Harold M. Gartley 1935 in Profits in the Stock Market. Die Figur steht dort auf den Seiten 221 und 222 – daher der bis heute gebräuchliche Name „Gartley 222”. Zwei Dinge daran sind für die Einordnung wesentlich: Gartley beschreibt eine Kursfigur, und er nennt keine Fibonacci-Verhältnisse. Was heute die Definition des Musters ausmacht, steht in der Originalquelle nicht.
Diese Verhältnisse kommen erst 1997 dazu, bei Larry Pesavento in Fibonacci Ratios with Pattern Recognition. Erst damit wird aus der Figur eine Verhältnisprüfung – und damit überhaupt etwas, das sich rechnen lässt.
Die Systematisierung stammt von Scott M. Carney, beginnend 1999 mit The Harmonic Trader: feste Intervalle je Muster sowie die Definition von Bat und Crab. Shark und 5-0 kommen 2010 in Harmonic Trading, Volume Two hinzu. Der größte Teil der heute geführten Muster geht auf diesen einen Autor zurück.
Der Cypher fällt aus der Reihe. Er wird Darren Oglesbee zugeschrieben und hat keine Primärquelle, die sich zitieren ließe; verbreitet hat er sich über Online-Gemeinschaften. Er ist zugleich das einzige Muster der Familie, dessen Endpunkt nicht gegen die Strecke XA gemessen wird, sondern gegen XC.
Die Kette lautet damit: eine Figur ohne Zahlen (1935), Zahlen zu der Figur (1997), ein System aus Figuren und Zahlen (ab 1999) – und ein Nachzügler ohne Beleg. Ein Katalog, der die zwölf Muster nebeneinanderstellt, verschweigt diese Herkunft; deshalb steht sie hier und nicht dort.
Fünf Punkte, vier Verhältnisse
Die Rechnung
pivots X, A, B, C, D in zeitlicher folge, abwechselnd hoch und tief:
b_ratio = |A − B| / |A − X| # wie weit B die strecke XA zurücknimmt
c_ratio = |B − C| / |A − B| # wie weit C die strecke AB zurücknimmt
d_ratio = |A − D| / |A − X| # wo D relativ zu XA liegt
cd_ratio = |C − D| / |B − C| # wie weit CD die strecke BC ausdehnt
ein muster liegt vor, wenn alle vier verhältnisse in ihren jeweiligen
intervallen liegen — je muster andere intervallekestrel-chartkit · src/indicator/harmonics.rsv0.2.0
Das ist die ganze Mechanik. Ein „Gartley“ ist nichts anderes als ein Satz von vier Intervallen; ein „Bat“ ein anderer Satz. Deshalb steht die Verhältnistabelle im Formationskatalog und nicht hier: Sie ist Nachschlagestoff, kein Lehrstoff.
Ausgeführt
Datensatz: XABCD aus X=100, A=120, Gartley-Verhältnissenchartkit v0.2.0+a6ae0acVom Detektor bestätigt: gartley (Toleranz 0.03)
Diese Reihe ist nicht gesucht, sondern gerechnet: Die Pivotpunkte stammen aus derselben Formel, die oben steht. Ebene 2 ist die Tabelle, Ebene 3 ist dieselbe Tabelle, gezeichnet.
Und der Kreis schließt sich: Die Abbildung entsteht nur, wenn das Muster auf der konstruierten Reihe auch gefunden wird. Andernfalls bricht der Export ab – mit der Toleranz 0,03, die oben in der Herkunftszeile steht.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert:
Die Form allein sagt nichts. Alle diese Muster sind Zickzacks aus fünf Punkten. Eine Suche nach der Form allein findet sie überall. Was sie unterscheidet, sind Zahlen, die man messen muss.
Die Toleranz entscheidet über die Existenz. Ein b_ratio von 0,60 ist nicht 0,618. Ob es als
Gartley zählt, hängt an einem Intervall, das jemand festlegen muss. Es ist dieselbe Frage wie bei
der Mustertoleranz: Ohne
eine explizit definierte Toleranzspanne ist jede Aussage über harmonische Muster empirisch nicht
überprüfbar.
Die PRZ ist eine Zone
In der praktischen Anwendung wird die PRZ (Potential Reversal Zone) häufig fehlerhaft als punktgenaues Preisniveau interpretiert:
„D liegt bei 88,6 Prozent, also Trendwende“ ist eine unzulässige Verkürzung. Gesucht ist kein einzelner Preis, sondern der Bereich, an dem mehrere unabhängige Projektionen zusammenfallen:
Die Rechnung
kandidat_1 = A ∓ d_ratio · |A − X| # retracement oder extension von XA
kandidat_2 = C ± cd_ratio · |B − C| # ausdehnung von BC
kandidat_3 = C ± |A − B| # AB=CD-projektion
prz = [min(kandidaten), max(kandidaten)] # die zone, nicht ihr mittelwertkestrel-chartkit · src/indicator/harmonics.rsv0.2.0
Wenn die drei Kandidaten eng beieinanderliegen, ist die Zone eng und die Aussage schärfer. Liegen sie weit auseinander, ist die Zone breit, und das ist kein Mangel der Darstellung, sondern die Auskunft, dass die Projektionen nicht übereinstimmen.
Eine einzelne Fibonacci-Linie unterschlägt genau diese Information. Sie sieht präziser aus und ist es nicht.
Drei Zustände, wieder
Dieselbe Unterscheidung wie bei den klassischen Formationen, hier nur mit anderen Namen:
| Zustand | Wann | Was man hat |
|---|---|---|
| Kandidat | X, A, B, C liegen vor, D fehlt | eine projizierte Zone, sonst nichts |
| Vollständig | der Kurs hat die PRZ erreicht | die Verhältnisse stimmen |
| Bestätigt | eine Umkehr aus der Zone heraus ist eingetreten | die Bedingung ist erfüllt |
Der Kandidat ist dabei der eigentlich nützliche Zustand: Er sagt, wo man hinsehen sollte, bevor etwas passiert ist. Er ist zugleich der, der am leichtesten mit den anderen verwechselt wird – eine gezeichnete PRZ sieht aus wie eine Feststellung und ist eine Projektion.
Und die Invalidierung ist bei allen dieselbe: Der Kurs läuft ohne Umkehr durch die Zone hindurch.
Was daneben liegt
Drei Musterfamilien arbeiten auf derselben Pivot-Folge und werden regelmäßig vermischt. Sie unterscheiden sich darin, worauf sie ihre Bedingung stellen:
| Familie | Bedingung |
|---|---|
| Kursformationen | die Lage der Pivots zueinander – gleich hoch, höher, tiefer |
| Harmonische Muster | die Verhältnisse der Strecken, mit genannten Intervallen |
| Elliott-Wellen | Regeln an einer Wellenfolge, plus deren Stellung in einer übergeordneten Struktur |
Ein Dreieck bleibt ein Dreieck, gleich in welchem Verhältnis seine Schenkel stehen – die Kursformationen stellen keine Anforderung an Zahlen. Umgekehrt hat ein harmonisches Muster keine Stellung in einer übergeordneten Struktur: Ein Gartley ist ein Gartley, unabhängig davon, was davor lag. Genau das verlangt Elliott, und genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Verhältnisprüfung und einer Zählung.
Die Familien überschneiden sich trotzdem. Eine Elliott-ABC-Korrektur kann dieselben fünf Punkte haben wie ein AB=CD; ein zweibeiniger Pullback beschreibt dieselbe Dreiteilung noch einmal, ohne Verhältnisse zu verlangen. Dieselbe Bewegung trägt dann drei Namen aus drei Systemen.
Das ist kein Widerspruch, solange man sie nicht addiert. Drei Bezeichnungen für eine Bewegung sind keine drei Bestätigungen – sie sind dieselbe Beobachtung, dreimal benannt. Der Punkt ist derselbe wie bei den Datenklassen: Unabhängigkeit ist eine Eigenschaft der Herleitung, nicht der Anzahl.
Das eigentliche Problem ist die Swing-Definition
Alles oben setzt voraus, dass X, A, B, C und D feststehen. Sie sind Pivots, und damit hängt die gesamte Verhältnisrechnung an der Pivot-Definition, die man vorher gewählt hat.
Mit einer flachen Pivot-Definition findet man in derselben Bewegung mehrere ineinander verschachtelte XABCD-Strukturen. Mit einer tiefen findet man keine. Die Verhältnisse werden auf vier Nachkommastellen ausgerechnet, während die Punkte, zwischen denen gemessen wird, die eigentliche Wahl sind.
Das ist die nüchterne Zusammenfassung des Teilpfads: Harmonische Muster sind präzise formulierbar, und ihre Präzision beginnt eine Stufe später als üblich angenommen.